SCHWÄBISCHE ZEITUNG, 7.3.2011, Autor: Jürgen Widmer

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LINDAU - Der Bodensee ist keine landschaftliche Perle, sondern ein Zentrum der deutschen Waffenindustrie. Zumindest erweckt die Internetseite www.waffenvombodensee.webnode.com diesen Eindruck. Sie zählt eine ganze Reihe von Unternehmen rund um den Bodensee auf, die sich mit sogenannter Verteidigungstechnologie befasst. Ungefähr 7000 Menschen finden bei diesen Firmen im Rüstungsbereich Arbeit. „Es geht nicht gegen die Menschen, es geht gegen die Waffenindustrie“, sagt Lothar Höfler. Aus seiner Sicht passt es nicht zum heiteren Bild, das die Bodensee-Region gerne von sich vermittelt, dass sich an den Ufern des Sees zahlreiche Rüstungsfirmen niedergelassen haben. Er fragt: „Wer weiß schon, woran Firmen wie Diehl in Überlingen, MTU in Friedrichshafen oder Liebherr in Lindenberg und Lindau arbeiten?“ Dabei gibt es aber Unterschiede. Während Diehl sehr offen mit seinem Engagement in der Verteidigungstechnik wirbt, laufen die Motoren von MTU oder die Getriebe der ZF in Zivil- wie Militärfahrzeugen.

Ein Geheimnis machen die dortigen Verantwortlichen aber aus ihrem Engagement im Rüstungsbereich nicht. „ZF entwickelt und liefert auch Antriebssysteme für den nichtzivilen Bereich - unter anderem Getriebe für Militärfahrzeuge. Der Umsatz von ZF in diesem Marktsegment beläuft sich weit unterhalb der Ein-Prozent-Marke des Konzern-Gesamtumsatzes“, teilt Torsten Fiddelke, Pressesprecher des Konzerns, mit.

Etwas höher fällt der Anteil von Rüstungsaufträgen bei MTU in Friedrichshafen aus, wie Pressesprecher Wolfgang Boller bestätigt: „Wir haben einen Gesamtkonzernumsatz im Jahr 2009 von 2,6 Milliarden Euro gehabt. Davon fallen 180 Millionen auf militärische Fahrzeuge. Im Schiffsbereich haben wir 564 Millionen Euro im Militärbereich umgesetzt. Das entspricht ungefähr 22 Prozent.“

„Wer bei uns arbeitet, der weiß natürlich, dass wir auch Rüstungsgüter produzieren“, schildert Boller. Doch wenn jemand aus Gewissensgründen dies nicht wolle, „dann finden wir intern sicher einen anderen Platz für ihn. Aber mir ist kein solcher Fall bekannt.“

Höfler klagt an: „Die Dinge, die hier hergestellt werden, sorgen für blutige Opfer in der ganzen Welt.“ Deshalb hat er zusammen mit Mitstreitern eine Seite ins Netz gestellt, auf der die großen Rüstungsbetriebe rund um den See aufgeführt sind. Für Höfler und seine Mitstreiter geht es in erster Linie darum, ein Tabu zu brechen. „Wir wollen darüber informieren, was vor unserer Haustüre alles produziert wird“, sagt der Globalisierungsgegner und Friedensaktivist.

Denn aus seiner Sicht und der seiner Mitstreiter werden die Folgen zu oft totgeschwiegen. Aus scheinbar guten Gründen. Sowohl die Kommunen als auch die Kirchen würden da wegsehen, vermutet Höfler. „Die Pfarrer sehen die Gefahr, es sich nicht nur mit den Unternehmen zu verderben, sondern auch mit zahlreichen Gemeindemitgliedern, die in den Rüstungsbetrieben oft gut bezahlte Arbeit finden“, kommentiert er. Wobei am Runden Tisch gegen Rüstung auch Mitglieder kirchlicher Friedensgruppen wie Pax Christi oder „Ohne Rüstung leben“ Platz nehmen. Auch Kirchenmitarbeiter seien darunter, doch auch sie treibe die Angst vor Repressalien um, sollten sie sich öffentlich gegen die Rüstungslobby stellen.

Ulrich Lange, Kodekan [Anmerkung: Gemeint ist "Codekan"] im evangelischen Kirchenbezirk Ravensburg, will dies nicht so stehen lassen. „Wir beschäftigen uns sehr wohl mit diesem Thema“, sagt er. Sieben Pfarrer gebe es in Friedrichshafen. „Unsere Gemeinden sind seit mehr als hundert Jahren auch durch Ingenieure geprägt, die in den Betrieben vor Ort auch im Rüstungsbereich arbeiten.“

„Wir sind aber weder die Bild-Zeitung, noch eine Partei. Wir haben einen anderen Zugang zu dem Thema und wollen uns auch nicht politisch einspannen lassen“, so Lange, der betont, dass dies seine persönliche Meinung ist. Er sagt von sich selbst: „Ich bin kein Pazifist. Ich stehe zur Bundeswehr.“ Kritisch sieht er die Rüstungsexporte in die Krisenregionen, aber auch da will er genau hinsehen. Die Kirche stelle auch Räume beispielsweise für ein Treffen von Rüstungsgegnern und Mitarbeitern der betroffenen Firmen zur Verfügung. „Aber auch diese Menschen müssen wirklich gehört werden“, sagt Lange. Er wolle auch keine Arbeitsplätze vor Ort gefährden, sagt er. Dafür, dass Kirchenmitarbeiter, die sich gegen Rüstung engagieren, mundtot gemacht werden, hat er keine Anhaltspunkte. Auch in den Rathäusern, die eher mit den landschaftlichen Schönheiten werben als den High-Tech-Rüstungsschmieden vor Ort, herrsche Schweigen, sagt Höfler. „Die Kommunen sind auf die Gewerbesteuer und den Anteil an der Einkommenssteuer angewiesen“, sieht er einen Grund für das Schweigen in den Ratsstuben. „Wir wollen uns aber mit dieser scheinbar heilen Welt nicht abfinden“, schiebt er hinterher. Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand ist diese Kritik vertraut. „Aber es ist eher ein Thema, das von außen herangetragen wird, in der Stadt ist das nicht so präsent.“ Er verweist auf die enorme Bedeutung von Betrieben wie MTU oder ZF für die Region. „Ohne sie wäre die komplette Region von Lindau bis Stockach Provinz.“ Er verweist auch darauf, dass er beispielsweise bei Zeppelin keinerlei rüstungsrelevante Produktion erkennen könne. „Natürlich sind Getriebe sowohl im militärischen als auch zivilen Bereich einsetzbar. Das Gleiche gilt für Motoren“, sagt er mit Blick auf die ZF oder MTU. Er hat aber auch den Eindruck, dass die Firmen bemüht sind, zivile Auftraggeber zu finden. Den Aktivisten geht dies nicht weit genug. Sie fordern die Rüstungsbetriebe auf, entweder die Region zu verlassen oder auf zivile Güter umzustellen. 

Quelle / Orginaltext: hier. Wir danken der SCHWÄBISCHEN ZEITUNG, Redaktion Lindau, herzlich für die Genehmigung!