2014-01-31Deutschlandfunk

Waffenproduktion: Über die Bomben vom Bodensee spricht man nicht gern

Von Johannes Nichelmann (Hier ist der Link zur Sendung)

Überlingen sieht aus wie ein Rentnerparadies, beherbergt aber umtriebige Waffenproduktion. (Felix Kästle / dpa )

Viele Deutsche leben direkt oder indirekt von der Produktion von Waffen. Manchmal sind es auch ganze Städte, so wie das idyllische Überlingen am Bodensee, das in vielfältiger Weise von der dort ansässigen Waffenindustrie profitiert.

Ich laufe mit meinem deutlich sichtbaren Mikrofon an der Fabrik der Firma "Diehl Defence" in Überlingen vorbei. Die Gebäude in der Alten Nußdorfer Straße liegen an einem Hügel, Obstbäume stehen drumherum. Die Aussicht auf den Bodensee ist atemberaubend. An diesem idyllischen Ort werden modernste Waffen hergestellt, Raketen, die sich im Flug lenken lassen oder selbst lenken. Im Fachjargon heißen sie "Lenkflugkörper". Seit über 50 Jahren produziert Diehl Defence am Bodensee Waffen für die ganze Welt, weitgehend ungestört. Ein Wachmann überquert die Straße, erkundigt sich kurz für wen ich arbeite. Dann kommt die Polizei mit Blaulicht, ich soll mein Mikrofon ausschalten. Auf einer öffentlichen Straße.

Die Beamten sind freundlich, erklären mir, dass es hier um die nationale Sicherheit geht. Ich soll meine Töne lieber woanders aufnehmen. Beim nächsten Mal droht ein Platzverweis. So schnell gerate ich in Überlingen am Bodensee mit dem Gesetz in Konflikt. Dabei will ich nur herausfinden, wie die Menschen und die Waffenfirma miteinander leben.

Rentnerparadies oder Fertigungswerkstatt für Bomben?

Überlingen ist eine kleine Stadt mit knapp 21.000 Einwohnern. Der Ort lebt vom Tourismus und von seiner Industrie. Der Rüstungskonzern beschäftigt mehrere hundert Menschen, weltweit sind es 3000. Wer hier seine Ausbildung bekommt, gehört zu den Besten, heißt es. Ich laufe die Hafenpromenade entlang. Zwei Jungs aus Stuttgart suchen auf einem Stadtplan den richtigen Weg für ihre Fahrradtour.

"Ist schon überraschend! Also..."

"Ich hätt's eher so als, fast so als Rentnerparadies eingestuft. Net als Fertigungswerkstatt für Bomben!"

Ein paar Meter weiter sitzt eine junge Frau mit ihren Freundinnen. Sie ist gebürtig aus Überlingen, gerade mit der Schule fertig. Über den Waffenhersteller im Ort spricht sie äußerst ungern.

"Ja, Nachbarn und so arbeiten da. Die bauen halt Bomben. Ich weiß nicht, find's halt nicht gut. Also auch ein Freund von mir, der macht jetzt ein duales Studium und ja, ich find es gibt so viele andere Arbeitsplätze in Überlingen, da muss man nicht so was machen. Er kriegt gut Geld und das ist ihm eigentlich egal, was er macht."

Ein Herr, um die 40, rollt mit den Augen, als ich ihn nach seiner Meinung frage.

"Wo gibt's nicht auf der Welt immer Ärger und Kriege? Des Know-how hat man ja auch in Deutschland irgendwo entwickelt."

Eine Tradition in der Bodenseeregion

Es geht um Arbeitsplätze. Im gesamten Bodenseekreis leben - so schätzt man - um die 8000 Leute direkt oder indirekt von der Rüstung. In Nachbarstädten werden Drohnen, Motoren, Getriebe und Einzelteile gefertigt. Eine Tradition, begründet von Graf Zeppelin und dem Flugzeugbauer Dornier.

Eine Verabredung mit der CDU-Oberbürgermeisterin, Sabine Becker. Wir sitzen auf einer Bank am Ufer. Der Blick auf die Alpen, blauer Himmel. Die wirtschaftlich starke Bodenseeregion trägt gewiss dazu bei, dass es Baden-Württemberg und Deutschland gut geht, sagt die Politikerin. Ich frage sie, wie in der Stadt die Diskussion über die Herstellung von Waffen geführt wird.

"Also ich denke schon, dass man darüber nachdenkt, über den Weltfrieden. Über unsere jetzige Situation im Weltfrieden. Sicher eine Diskussion, die man immer wieder führt. Aber sie ist eine Diskussion, die in der Gesellschaft geführt wird und nicht über den Standort. Das Bodenseewerk gibt es schon sehr lange, es ist ein großer Arbeitgeber, viele Menschen leben davon und es ist emissionsfrei. Und damit passt es."

Im Garten von Hubert Bergmann. Er ist Künstler. Einer der wenigen Bewohner, die sich kritisch mit der Rüstungsindustrie im Bodenseekreis auseinandersetzen. Die Geschäftsführer der Firmen sind der Presse gegenüber oft verschlossen. Doch bei örtlichen Podiumsdiskussionen stellen sie sich ab und zu den Fragen - auch den unbequemen. Und auch die Lokalpresse berichtet offen. Hubert Bergmann zeigt mir einen Artikel.

Manche Dinge sollte man besser in Ruhe lassen

"Dass "Diehl" hier vor Ort Schulmensen bezuschusst, in der Vereinsbezuschussung tätig ist, in der Kulturpolitik, im Straßenbau. Natürlich der beste Steuerzahler hier ist. Und im Übrigen die Verbindung, so der Redakteur, von "Diehl" zu dem Rathaus ein best gehütetes Geheimnis ist. Und mir von einem lokalen Stadtrat gesagt wird, dem ich mich mal insofern geöffnet habe, da müsste man doch mal nachfragen, die Antwort kam: Es gibt Dinge, die sollte man besser in Ruhe lassen und nicht wissen. Da kommt kein Echo! Das wird verkündet. Und dann ist es so."

Die Sonne geht langsam unter, die Restaurants füllen sich mit Touristen. In Überlingen leben keine schlechteren Menschen als anderswo. Wer aber nachfragt, wovon die Stadt lebt, gilt schnell als radikaler Rüstungsgegner ohne Sinn für die Realität. Die Verantwortung, argumentieren viele, liegt bei den Käufern, nicht bei den Herstellern.

Und nicht nur in Überlingen, sondern auch in anderen Städten der deutschen Waffenproduktion wird gerne der Satz zitiert, der ruhig schlafen lässt: Wenn wir es nicht machen, machen es andere.

Quelle: DLF-Website