Prof. Dr. jur. Christoph Nix (1954) ist Theaterintendant in Konstanz, Rechtsanwalt und lehrt gelegentlich noch an der Universität Bremen Jugendstrafrecht. Quelle: Journal Südzeit, Schwerpunkt Rüstung, Dezember 2014. Copyright: Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB) Vogelsangstr. 62, 70180 Stuttgart, Tel. 0711/ 6453120, info@deab.de
 

Die Waffe und ich

Wir alle sind schuldig: Wir leben vom Waffenverkauf am Bodensee

Als das Ellenrieder Gymnasium in Konstanz vor ca. zwei Jahren einen Kooperationsvertrag mit der Waffenfirma EADS schloss, kündigte ich als Theaterintendant an, mit dieser Schule und seinem Schulleiter nicht mehr zusammenarbeiten zu wollen. Er hatte, ebenso wie drei weitere Schulrektoren, ohne Rücksprache mit dem Lehrerkollegium, ohne Rücksprache mit den Eltern und ohne Rücksprache mit den Schülern einen Kooperationsvertrag mit dem Rüstungskonzern EADS geschlossen, die Leistungen wie Praktika, Lernmittel und Bewerbungstrainings beinhaltet.
Schlimmer aber: seitdem die Eltern und Schüler das wissen, hat sich nichts geändert, noch schlimmer, nachdem ich mit Abbruch der diplomatischen Theaterbeziehungen gedroht hatte, erschien der Schulleiter in meinem Theater, brachte Croissants mit und dachte, man könne die Sache so regeln: wir vereinbarten, dass zunächst an der Schule eine offene Podiumsdiskussion stattfinden solle, mit Vorständen der EADS und Kritikern wie z. B. Jürgen Grässlin.

Als ich am Abend des 4. Februar 2012 mit meinem Sohn die Schule betrat, waren auch zwei Vertreter von „seemoz“ da, ein kritisches Online-Magazin vor Ort. Zwei Damen kamen mir entgegen, den Kirchweihglanz im Gesicht und forderten mich auf, die Schule sofort zu verlassen, sonst würden sie die Polizei holen. Ich war verblüfft, hatte mich Oberstudiendirektor Beckmann doch eigens eingeladen. Die Polizei kam, die Attacke sollte den Seemozlern gelten, ich erklärte als Anwalt, der ich ja auch bin, dass es sich um öffentliches Hausrecht handeln würde, egal: raus – und alle schwiegen. Sie schwiegen, die Oberstudienräte und Mütter, der Geschäftsführer der IHK, die Dekanin der Kirche, die braven Schüler und auch der Abonnement des Theaters, der Sozialarbeiter und interessierte Psychologe. So ist das am Bodensee.

Da ist der Firmensitz von Diehl, die große Waffenfirma, ihr Vorstand Günter spricht lieber etwas abstrakter von Systemen statt von Waffen. In der Stadt will keiner auf die Steuer verzichten, einmal bin ich nach dem Sommertheater dort nachts vorbeigefahren. Alles ist sauber und clean, der Wachmann trägt Krawatte. Als ich behauptete, Diehl sei auch an der Entwicklung von Waffen beteiligt, an denen die Kinder in Uganda ausgebildet werden, haben sie gleich dem grünen Oberbürgermeister geschrieben und mit Klage gedroht. So ist das am See, wenn man laut nachdenkt: ach, und ob er mich geschützt hat der grüne Oberbürgermeister, mein Gott, die Leute sind dann Oberbürgermeister, die leben auch von den Steuergeldern der Rüstungsindustrie.

Diehl liegt jetzt weltweit auf Platz 62 und sein Umsatz bei Waffen liegt bei ca. 1.3 Milliarden Euro. Eine echtes Familienunternehmen, seit 1902, dagegen ist ATM Computer in Konstanz nur eine Tochter von Krauss Maffai, immerhin auf Rankingplatz 52. Die Angestellten leben mitten unter uns, sicher gehen auch zwei oder drei ins Theater und schauen sich kritische Stücke an. Im Sommer hat das Theater Konstanz ein Spektakel in Überlingen, wir bekommen einen Zuschuss von 60.000 Euro. Neulich, als ich wieder überlegte mit dem Ellenrieder Gymnasium ganz zu brechen, sagte meine Theaterpädagogin, bitte nicht, die haben sehr nette Schüler und Lehrer. Letzten Monat war ich in Burundi, auch hier wurden 1992 Tausende von Tutsis ermordet, einem der kleinsten und ärmsten Länder der Welt. Der Fahrer unseres Jeeps sagte mir, er mache sich große Sorgen, der Präsident der Republik sei dabei seine Parteijugend zu bewaffnen, gute Waffen aus Deutschland. Ich stieg aus und wusste, ich bin nicht besser, ich tue zu wenig, auch ich lebe hier davon am See, an dem es so schön ist.

(aus: Journal Südzeit, Schwerpunkt Rüstung, Dezember 2014)


Postkartenidylle

Der Bodensee ist schön, und so denkt kaum jemand an die Opfer. Man sieht die Toten nicht. Man hört die Schreie der Verletzten nicht.

In einem alten Buch steht: "Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind." Weiter