SÜDKURIER vom 11.07.2011, Seite 3, Thema des Tages

"Bodensee-Region ist Rüstungslandschaft"

Die Landkarte, die Sie unten - etwas unschön - in drei Teile aufgeteilt sehen, finden Sie hier in höherer Auflösung. Weiter unten dann der Text des Artikels.




 


Bodensee-Region ist Rüstungslandschaft

Panzermotoren und Lenkwaffen kommen aus Friedrichshafen und Überlingen. Deutsche Militärtechnik in Krisenregionen exportiert.

Eine dichte Häufung von Unternehmen, die mit Militärs Geschäfte machen, gibt es im Raum Friedrichshafen. Die traditionsreichsten und größten Firmen gehen auf den 1899 beginnenden Luftschiffbau des Grafen Ferdinand von Zeppelin zurück. Folge der Ballung an Rüstungsunternehmen war, dass Friedrichshafen im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe schwer zerstört wurde.

Tognum AG: Die Dieselmotorentochter MTU des Friedrichshafener Unternehmens stellt Motoren vor allem für Panzer wie beispielsweise Leopard und Puma her. Erwartet werden in nächster Zeit Aufträge des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Mehrere Anbieter, die alle auf MTU-Motoren setzen, konkurrieren aktuell um den Zuschlag für ein gepanzertes Fahrzeug für die US-Militärs. Daneben werden sich MTU-Motoren auch in den neuen Fregatten F 125 der deutschen Marine finden. Was die Aufträge an militärische Käufer anlangt, wird in der Regel im Hause Tognum Stillschweigen gewahrt. Im Jahr 2009 entfielen bei einem Gesamtvolumen an Aufträgen von rund 1,5 Milliarden Euro rund 180 Millionen Euro auf die Rüstungssparte des Unternehmens. 2010 wurden für diese rund 92 Millionen Euro ausgewiesen, bei einem Gesamtvolumen von rund 1,8 Milliarden Euro. Diese Schwankung beruht darauf, dass Rüstungsaufträge ausgelaufen sind. Im Schnitt beläuft sich der militärische Anteil am Umsatz auf rund 15 Prozent. In Friedrichshafen beschäftigt das Unternehmen, das inzwischen von Daimler und Rolls-Royce beherrscht wird, rund 6000 Mitarbeiter.

Cassidian: Der Konzern EADS hat seine militärischen Aktivitäten in dieser Tochter konzentriert. Eine Niederlassung mit rund 1500 Beschäftigten findet sich in Friedrichshafens Nachbargemeinde Immen staad. Wie wichtig der Standort ist, beweist die Tatsache, dass dort im März ein vier Millionen Euro teures Avionik-Zentrum eröffnet wurde. Hier werden unter anderem Bauteile für den Militärtransporter A 400 M von Airbus entwickelt und gefertigt. Ebenso gehören Hindernis-Warnsysteme für Hubschrauber zur Produktpalette. Diese Systeme werden aber auch zivil genutzt. Dies gilt auch für Produkte aus dem Bereich sichere Kommunikation. 2010 machte Cassidian nach eigenen Angaben insgesamt einen Umsatz von 5,9 Milliarden Euro.

Diehl: Seit gut 50 Jahren werden in Überlingen Lenkflugwaffen hergestellt. Der Luft-Luft-Lenkflugkörper „Sidewinder AIM-9B“ war eine US-amerikanische Lizenzfertigung zur Bewaffnung von Nato-Kampfflugzeugen. Für den Sidewinder-Bau gründete die Firma „Bodenseewerk Perkin-Elmer“ das „Fluggerätewerk Bodensee GmbH“, das später zur „Bodenseewerk Gerätetechnik“ (BGT) wurde. Deren Abkürzung lebt bis heute in „Diehl BGT Defence“ weiter – das Überlinger Unternehmen gehört zum Rüstungskonzern Diehl. Heute werden in Überlingen Luft-Luft-Lenkflugkörper vom Typ „IRIS-T“ hergestellt. Bis 2012 sollen 4000 Stück ausgeliefert sein – unter anderem auch nach Saudi-Arabien. 2007 bekam Diehl den 123 Millionen Euro schweren Auftrag, diese Lenkwaffe so weiterzuentwickeln, damit diese als „IRIS-T SL“ auch bodengestützt eingesetzt werden kann.

Diese Waffe soll bis spätestens 2012 produktionsreif sein. 35 000 Sidewinder-Raketen lieferten BGT und Diehl in 50 Jahren. 2009 setzte die Diehl BGT Defence insgesamt rund 460 Millionen Euro um. Die Diehl-Tochter bietet am Überlinger Konzernsitz rund 900 Arbeitsplätze.

Zeppelin Mobile Systeme: Das Unternehmen hat 2010 seinen Sitz von Friedrichshafen in die Nachbargemeinde Meckenbeuren verlegt. Vor allem Container-Systeme für mobile Feldhospitäler werden hergestellt und weltweit vertrieben. 25 Millionen Euro Umsatz wurden 2010 erwirtschaftet. Ein Anteil von 70 Prozent entfällt auf militärische Aufträge. Aber auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz sind Kunden von ZMS.

ZF AG: Der Getriebekonzern, der seinen Stammsitz in Friedrichshafen hat, entwickelt und liefert Antriebssysteme für Patrouillenboote, die für den Grenzschutz eingesetzt werden. Insgesamt beläuft sich der Umsatz von ZF im nichtzivilen Bereich nach Firmenangaben weit unterhalb der Ein-Prozent-Marke des Konzern-Gesamtumsatzes. Dieser lag 2010 bei 12,9 Milliarden Euro. 8000 Menschen arbeiten im Raum Friedrichshafen für die ZF AG.

Autor: Manfred Dieterle-Jöchle