2015-10 SWR odysso "Waffenschmiede Südwest"

Hier die zu dieser Sendung gehörende SWR-Website.

Waffenhandel Waffenschmiede Südwest

In Baden-Württemberg gibt es auffallend viele Rüstungsfirmen. odysso beleuchtet das Geschäft mit dem Tod, zeigt aber auch die Wissenschaft hinter der neusten Waffentechnik und deren Nutzen für das zivile Leben.
Bodenseeidylle

Hier der Text der Sendung:
Hinter einer Hügelkuppe der Landstraße taucht er plötzlich auf: Der Bodensee, wie hingegossen in die weite Landschaft, dahinter die Alpen. Eines der schönsten Fleckchen Deutschlands, "ein unvergleichlicher Mix aus florierender Wirtschafts-, Wohn- und Touristikregion", schwärmen Trendforscher. Wir fahren durch die schmucke Stadt Überlingen, die die Landesgartenschau 2020 ausrichten wird. Doch wir kommen nicht als Blumenkinder. Etwas weniger malerisches interessiert uns. In Überlingen, an der Strandpromenade bricht die Idylle weg: Trommeln, Parolen, Plakate: Eine Demonstration von Flüchtlingsorganisationen und Rüstungsgegnern: Am Pranger stehen Unternehmen vom Bodensee, die Waffen produzieren und exportieren. Die Störung des wolkenlosen Tages kommt ganz verschieden an. Ein Tourist solidarisiert sich mit den Protestierenden: "Die Waffenexporte schaffen ja die Flüchtlingsströme. Die schaffen ja die Kriegsursachen vor denen die Leute abhauen müssen." Er sagt, es sei unanständig an so was zu verdienen. Andere wiederum sind eher fatalistisch. Man könne das nicht aufhalten: "Wenn wir nicht produzieren, produzieren andere und machen andere die Geschäfte". Wir treffen auch zufällig einen früheren Mitarbeiter einer der Rüstungsfirmen der Region "Das war eine anständige Arbeit, das waren anständige Leute", sagt er "da machst du dir keine Gedanken."
Arbeitsplätze zählen

Im Schussfeld der Demonstranten steht die Wehrtechnik-Firma Diehl Defence in Überlingen, mit rund 800 Mitarbeitern an diesem Standort. Unsere Anfrage zuvor nach Interviewpartnern wurde abgelehnt. Auch vor Ort bekommen wir kein Statement des Unternehmens. Immerhin redet aber Sabine Becker mit uns. Die gebürtige Kölnerin wurde vor sieben Jahren zur ersten Oberbürgermeisterin von Überlingen gewählt. Sie engagiert sich ausdrücklich für eine "kinderfreundliche Welt". Sie weiß, was Diehl herstellt, hat das Unternehmen besichtigt. Die Arbeitsplätze, das zähle natürlich: "Aber es wäre natürlich auch für mich viel komfortabler als Oberbürgermeisterin, wenn nicht unbedingt eine Rüstungsfirma oder eine Verteidigungsfirma hier wäre, sondern zivil etwas produziert werden würde." Begeisterung klingt anders. Aber als Kommunalpolitikerin habe sie nun mal keinen Einfluss auf das was Diehl herstellt und exportiert. Sie geht davon aus "dass hier nur rechte Dinge geschehen und dass gut damit umgegangen wird, wohin geliefert wird." Das werde aber nicht vor Ort entschieden, sondern in Berlin. Kritische Töne über das Traditionsunternehmen hört Sabine Becker in der Stadt selten: Eher hilfloses Achselzucken, es wird schon alles rechtens sein, so die verbreitete Haltung. Nicht nur in Überlingen, sondern in etlichen Städten am Bodensee, in denen Wehrtechnik produziert wird.
Prominenter Rüstungsgegner

Wir fahren weiter, die Bundesstraße 31 am See entlang. Vorbei an Immenstaad und "Airbus Defence and Space". Das Unternehmen macht mehr als 13 Milliarden Euro Jahresumsatz, auch mit Waffenprodukten. Wir stoßen aber durch bis Friedrichshafen, wo ebenfalls wehrtechnische Firmen sitzen. Hier interessiert uns aber eine aktuelle Gewerkschaftsveranstaltung des DGB. Ein Thema unter anderem: Konversion am Bodensee. Kann man die Waffenfirmen in zivile Unternehmen umwandeln? Das treibt den Rüstungsgegner Jürgen Grässlin um, der bei der Veranstaltung als Referent eingeladen ist. Der hauptberufliche Lehrer will vor allem Waffenlieferung an fragwürdige Regime unterbinden. Deutschland, der viertgrößte Waffenexporteur der Welt - für ihn eine Schande: "Es gibt nahezu keinen Krieg der Neuzeit", so Grässlin, "den ein westlicher oder befreundeter Staat geführt hat, indem eben auch diese Waffen vom Bodensee nicht im Einsatz gewesen wären."
Engagement gegen Waffenindustrie

Jürgen Grässlin geht mit uns auf Tour, wieder zurück auf der B 31, nach Immenstaad. Grässlin verknüpft sachliche Ausführungen zu Produktpalette und Strategie der Waffenfirmen immer wieder mit scharfen moralischen Wertungen: Man spürt, dass er vieles, was er uns sagt, schon zigmal erzählt hat. Es ist seine Mission und er weiß, dass die Medien pointierte Statements wollen. Die liefert er auch. Vor dem Gelände von Airbus Defence and Space, die unter anderem militärische Satellitentechnik produzieren, berichtet er, was das Unternehmen in einer Hauptversammlung verkündet habe: "Es gibt zwei große profitable Geschäftsfelder der Zukunft. Die heißen Kampfdrohnen, also nicht Aufklärungsdrohnen, sondern Kampfdrohnen. Und Sicherungszäune." Modernste Roboter-Kampfkraft und perfekte Abschottungstechnik sind demnach die Märkte der Zukunft. Das würden wir gerne selber mal sehen. Doch von Airbus Defence bekommen wir auf unsere Anfrage nicht mal eine Antwort. Auch vor Ort in Immenstaad erreichen wir nichts. Wieder sehen wir nur Fabrikwände von außen. Wir sind langsam frustriert.
Wieder in Überlingen, vor der Firma Diehl Defence, Spezialist für Lenkflugkörper, zum Beispiel für Kampfjets, mit rund einer halben Milliarde Euro Jahresumsatz. Jürgen Grässlin ist auch hier nicht zu bremsen: "Beliefert wird weltweit. Wir haben Saudi Arabien als Abnehmer. Wir haben, wie die Listen und Übersichten aus dem Bundessicherheitsrat zeigen, auch die Vereinigten Arabischen Emirate als Abnehmer." Für Grässlin geht es Diehl nur um "Profit, Profit, Profit." Diehl Defence antwortet immerhin auf unsere Anfrage nach einem Interview - ablehnend.
Stolz auf technisches Know-How?

Wir haben nun noch eine Verabredung mit einem jungen Studenten, der am Bodensee aufgewachsen ist. Kristoph Botha liebt seine Heimat; er ist im Ruderverein sehr erfolgreich, schreibt gelegentlich für die Zeitung. Er spüre trotz seiner Verbundenheit mit der Region aber auch, dass die Menschen hier recht selbstzufrieden seien; und die Augen vor unangenehmen Dingen gerne verschlössen. "Man wächst hier auf", sagt er "mit Graf Zeppelin als dem großen Sohn der Städte des Bodensees. Und es ist eigentlich nie richtig aufgearbeitet worden, was er eigentlich an der Aufrüstung zum ersten Weltkrieg hin für einen Anteil hatte. Also in der Schule würde so was im Leben nicht thematisiert werden." Und das erstmals zu erfahren sei schon ein bisschen schwierig. "Als Kind war man ja auch sehr stolz darauf, was hier es hier so für technische Errungenschaften gab." Christoph Botha meint, dass hier eigentlich kaum jemand richtig stolz auf die Waffentechnik "Made im Ländle" sei: Es gehe halt um die Arbeitsplätze, und um Bequemlichkeit.
Von Waffenfirmen umzingelt

Wir verlassen nun den Bodensee, um hundert Kilometer nördlich einen besonderen Hot Spot der Waffenindustrie zu besuchen: Die Stadt Oberndorf am Neckar, wo schon vor 200 Jahren in einem Kloster Gewehre gebaut wurden. Seitdem sind die Bewohner von Wehrtechnik quasi umzingelt: Da gibt es die Firma Mauser, traditionsreicher Schusswaffenbauer. Dann Rheinmetall - wieder mal: "Defence". Es geht ja immer nur um "Verteidigung". Zum Bereich "Waffe Munition" zählt heute auch Mauser. Bordkanonen werden hier zum Beispiel gebaut.
Und auf dem Berg sitzt noch Heckler & Koch. Bekannt aus Funk und Fernsehen, unter anderem aufgrund der Skandale um das Gewehr G 36. Experten schätzen, dass bisher durch deren Waffen weltweit mehr als eineinhalb Millionen Menschen umkamen. Äußern will sich das Unternehmen dazu nicht. Was wir hier von den Menschen in der Stadt hören kommt uns bekannt vor: Ändern könne man ja eh nichts. Oberndorf ist eine Stadt, die ohne Waffenproduktion anscheinend gar nicht denkbar ist. In einer Kneipe diskutieren die Leute sehr lebhaft mit uns. Es gebe die Firmen schließlich schon "seit Ewigkeiten". Und: "Man hat sich da seit vielen Jahren damit arrangiert und lebt damit." Früher, bei den alten Eigentümern, da sei der Kontakt vor allem zwischen Heckler & Koch und der Stadt enger gewesen. Die ständige negative Berichterstattung über das Unternehmen habe in Oberndorf nun aber auch zu einer gewissen trotzigen "Wagenburgmentalität" geführt. Die Waffenproduktion sei schließlich Teil der Identität und Stadtgeschichte.
Rüstungsproduktion nicht alternativlos

Tatsächlich sind die heimischen Vorzeigeprodukte auch Teil des Oberndorfer Heimatmuseums, wenngleich sie in einer separaten Ausstellung präsentiert werden: Hier sehen wir endlich: Waffen! Mauser-Preziosen, Infanteriegewehre von Heckler & Koch, MGs und Bordkanonen von Rheinmetall. Es kämen kritische Besucher, aber auch Waffennarren, sagt Stadtarchivar Andreas Kussmann-Hochhalter, ein nüchterner und überlegter Gesprächspartner, der aus dem Rheinland nach Oberndorf kam. Er betont, dass er hier die recht einzigartige Geschichte der Waffenstadt möglichst sachlich vermittelt werden soll. Das Museum zeige aber auch, dass Unternehmen und Gesellschaften nicht schicksalhaft dazu verdonnert sind, Waffen zu bauen: Es gab mehrere Versuche, zum Beispiel "nach dem ersten Weltkrieg, Versailler Vertrag, Verbot der Kriegswaffenproduktion." Das habe hier achtzig Prozent Arbeitslosigkeit produziert. "Es gab dann eine Initiative aus den Unternehmen heraus, auf Friedenprodukte umzusteigen."
Zum Beispiel: Automobile. Inmitten des martialischen Arsenals wirkt der zivile Oldtimer "Mauser M7 Tourer" geradezu rührend. Auch ein "Einspur-Auto" baute Mauser in den zwanziger Jahren. Es gibt Nähmaschinen zu sehen, Addier- und Buchstabiermaschinen, auch Messtechnikinstrumente. Waffenfirmen könnten also auch anders - wenn die Wehrtechnik nun mal nicht so lukrativ wäre, denken wir uns.
Rüstungsgegner Jürgen Grässlin hofft dennoch, dass manche Unternehmen ihr Know-How in Zukunft mehr für zivile Produkte einsetzt. Und dass Deutschland auch hier die Wende schafft, weg von einem Spitzenplatz der Rüstungsproduzenten und -exporteure.
Schweigen der Unternehmen

Von den angefragten Unternehmen in Oberndorf und am Bodensee, deren Standpunkte und Argumente wir gerne gehört hätten, kam leider gar nichts. Vielleicht auch deshalb, müssen wir uns selbstkritisch fragen, weil in den Firmen längst die Meinung vorherrscht, dass sich die Journalisten ihr Urteil ohnehin schon vorher gebildet haben. Die Menschen aus der Region, die mit uns gesprochen haben, waren jedenfalls überwiegend nicht begeistert von der Wehrtechnik aus Baden-Württemberg. Viele führen Sachzwänge an, oder arrangieren sich mit den Gegebenheiten. Manche aber stehen dagegen auf, oder sagen offen, dass sie sich für diese Seite ihrer Heimatregion inzwischen schämen.
Als wir den Bodensee nach den letzten Aufnahmen verlassen, braut sich ein dickes Gewitter zusammen, dunkle Wolken hängen über dem stahlgrauen, glatten Wasser. Der See zeigt uns zum Abschied nochmal sein anderes Gesicht.

Autoren: Oliver Wittkowski, Hilmar Liebsch
Copyrhight SWR

 

 


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Postkartenidylle

Der Bodensee ist schön, und so denkt kaum jemand an die Opfer. Man sieht die Toten nicht. Man hört die Schreie der Verletzten nicht.

In einem alten Buch steht: "Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind." Weiter