SÜDKURIER NR. 66, SAMSTAG, 19. MÄRZ 2016, VON SANDRA PFANNER

  • Schweizer Rüstungsfirma sichert sich Millionen-Deal
  • Gesuch für Export nach Katar löst Debatte aus
  • Ein Besuch bei der Radpanzer-Firma Mowag

Oliver Dürr ist ein Mann der klaren Worte. Einer, der die Fragen, die ihm als Chef einer Rüstungsfirma immer wieder gestellt werden, gut kennt. Einer, der sie schon beantwortet, bevor man sie überhaupt stellt. "Natürlich kann ich nachts noch gut schlafen, warum auch nicht?", sagt er. Weil auch die Panzer seiner Firma Mowag Teil sind der Rüstungsindustrie am Bodensee, könnte die Antwort sein. Weil wegen der "Bomben vom Bodensee" , wie es oft heißt, Menschen in den anderen Gegenden der Welt fliehen müssen. Das ist die eine, globalisierte Seite der Medaille. Die andere ist, dass diese Firmen in Überlingen (Diehl Defence), Immenstaad (Cassidian), Stockach (Rheinmetall) oder eben Kreuzlingen rund 10 000 Menschen in der Region Arbeit geben. Sie zahlen Millionen Euro an Gewerbesteuer, unterstützen Sportvereine, finanzieren Kindergärten, geben Geld für Schulen, Universitäten und Musikorchester aus. Nicht wenige Konstanzer nutzen die Nähe zur schweizerischen Mowag . und dem entsprechenden Schweizer Gehalt. Rund 20 Prozent der etwa 600 Mitarbeiter sind nach Angaben von Oliver Dürr Deutsche.

In Zukunft sollen es noch mehr weiden. Es werden Mechaniker, Industrielackierer, Abteilungsleiter und Ingenieure gesucht. "Wir rechnen mit einem Personal- Plus von zehn bis 20 Prozent", sagt Mowag- Pressesprecher Pascal Kopp. Der Grund: Die Mowag hat vor Kurzem den Zuschlag für einen der größten zu vergebenden Rüstungsaufträge in Europa erhalten. Für rund 600 Millionen US-Dollar liegt eine Bestellung des dänischen Militärs auf dem Tisch: 309 Radpanzer des Typs Piranha 5, die "vor allem für Friedensmissionen" eingesetzt werden sollen, heißt es vonseiten der Mowag, die sich somit gegen die Konkurrenz aus Deutschland, Schweden und Frankreich durchgesetzt hat. Dabei sei vor allem die Entscheidung zwischen Rad- oder Kettenpanzer ausschlaggebend gewesen, so Kopp. Der Auftrag der dänischen Armee hat eine Laufzeit von 15 Jahren. "Es ist sehr wichtig, dass wir in die Sicherheit Dänemarks investieren. Der Piranha 5 bietet den besseren Schutz als unsere bestehenden geschützten Fahrzeuge, daher verbessert diese Beschaffung die Einsatzfähigkeit unserer Armee für zukünftige Herausforderungen" erklärte der dänische Verteidigungsminister Peter Christensen via Pressemitteilung. Der Auftrag sichert der Mowag Arbeit bis mindestens 2023, so Dürr.

Gerade sei man in Abstimmung mit dem Kunden, was die Ausstattung betrifft. Maximal acht Fahrzeuge pro Woche könnten in dem Kreuzlinger Werk produziert werden. Die ersten Fahrzeuge sollen bereits im Sommer das Werk verlassen. Das Getriebe, darauf ist Dürr besonders stolz, wird noch vollständig in der Mowag hergestellt. Andere Teile, darunter auch die optionalen Waffensysteme, werden zugeliefert.

"Wir halten uns an die Schweizer Gesetzgebung und trennen die politische Dimension von der wirtschaftlichen." Pascal Kopp, Mowag-Pressesprecher

Der Auftrag aus Dänemark kommt dabei für die Mowag gerade zur richtigen Zeit. Das dänische Militär, sagt Dürr, hat einen guten Ruf - und ist eine gute Referenzquelle für weitere Aufträge' vielleicht innerhalb Europas. Denn die Schweizer Rüstungsindustrie steckt in einem Dilemma: Die Exporte von Kriegsmaterial von der Schweiz in die westlichen Demokratien haben im Vergleich zum Vorjahr 2014 um rund 30 Prozent abgenommen. Während europäische Staaten Wie Deutschland die Armeen zurückfahren, wachsen die Märkte im Nahen und Mittleren Osten. Gut zahlende, aber heikle Kunden. Welche Länder genau auf der Abnehmerliste der Mowag stehen, könne Oliver Dürr nicht verraten. Auch nicht den Umsatz des Unternehmens. Nur so viel: "Viele Nato-Staaten sind unsere Kunden." Aktuell würde auch für die Schweizer Armee produziert. Weniger klar werden seine Worte auch, wenn man ihn auf ein besonders heikles Geschäft anspricht:

Den Export von Panzern in das am Jemen-Konflikt beteiligte Golfemirat Katar, Nach der Schweizer Kriegsmaterialverordnung ist der Export in Länder, in denen "Menschenrechte systematisch und schwerwiegend verletzt werden", verboten.

 

Nur zaghaft bestätigt Oliver Dürr, dass es "eine Vorab-Anfrage aus Katar für ein Fahrzeug zu Testzwecken gab". Allein ist die Mowag mit ihrem Gesuch nicht. Mehrere Schweizer Wirtschaftsverbände warnen vor Arbeitsplatzverlusten, sollte die Schweiz an den Exportregeln festhalten. Schon einmal, 2014, hatte das Schweizer Parlament die Verordnung unter viel Protest von Menschenrechtsorganisationen gelockert. Wenig überraschend ist deshalb auch die Statistik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), wonach das Volumen der im Jahr 2015 neu bewilligten Geschäfte um mehr als ein Drittel gestiegen ist. Der Export ging insgesamt dennoch zurück: Schweizer Unternehmer haben im vergangenen Jahr für 446,6 Millionen Franken Kriegsmaterial in 71 Länder geliefert. Das entspricht einem Rückgang um 21 Prozent zum Vorjahr.

 

Die Diskussion in der Schweiz über eine weitere Lockerung der Exporthürden ist emotional. Kritiker verweisen auf die Moral, auf die Seele der Schweiz, die Neutralität, die friedenspolitische Glaubwürdigkeit. Interessenverbände verweisen auf die aktuell schwierige wirtschaftliche Lage der Schweiz, den Frankenschock, die zahlreichen gefährdeten Arbeitsplätze und die Abschottung von einem der weltweit wichtigsten Wachstumsmärkte, in den vergleichbare Länder schon lange mitspielen. "Wir halten uns an die Schweizer Gesetzgebung und trennen die politische Dimension von der wirtschaftlichen '', kommentiert Mowag-Pressesprecher Pascal Kopp. Oder mit den Worten von Oliver Dürr: "Manche Dinge sehe ich vielleicht als Privatperson anders als als Manager. "

Die Mowag

Die Mowag (Motorenfabrik AG) wurde 1950 von dem Kreuzlinger Ingenieur Walter Ruf gegründet. Seit 2003 ist sie Tochterfirma des US­Waffenbauers General Dynamics, einem der größten Rüstungskonzerne der Welt. Die Mowag beschäftigt rund 600 Menschen in Kreuzlingen, darunter zahlreiche Grenzgänger aus Konstanz und dem Umland. Ursprünglich baute die Firma viele Arten von Spezialfahrzeugen, zum Beispiel Feuerwehrautos. Die Kantonspolizei überwacht den Flughafen Zürich mit Eagle-Fahrzeugen der Mowag, Die Spezialisierung auf militärische Fahrzeuge erfolgte in den letzten Jahren.

Der Mowag Piranha: Das Fahrzeugkonzept von Radschützenpanzern wurde in den 1970er-Jahren entwickelt. Der Piranha 5 hat 630 PS, fährt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde und Wiegt leer bis zu 24 Tonnen. Die Standardausstattung bietet, so Pressesprecher Pascal Kopp, höchstmöglichen Schutz für die Soldaten", vor allem gegen Minen und Sprengfallen. Gerade bei Auslandseinsätzen wirken die geschützten Radfahrzeuge weniger bedrohlich als etwa ein rasselnder Kettenpanzer, ergänzt Mowag-Chef Oliver Dürr. Die Radpanzer seien flexibler einsetzbar und bei tieferen Betriebskosten gleich mobil wie Kettenfahrzeuge. Selbst, wenn die Reifen zerschossen werden, könne der Piranha 5 immer noch fahren. Den Mowag Piranha gibt es in verschiedenen Varianten, auch als Sanitätsfahrzeug. Der Einbau verschiedener Waffensysteme von 7,62 bis zu 120 Millimeter Kaliber ist je nach Kundenwunsch möglich. (sap)

Ausfuhr von Kriegsmaterial im Jahr 2015

Gesamtsumme der Exporte: 408 419 799 Euro

Deutschland 119 159 978

Indien 41 608 382

Indonesien 40 444 585

USA 24 049 198

Italien 22 336 368

Pakistan 19 007 629

Großbritannien 17 445 413

Südafrika 15 195 434

Brasilien 14 606 234

Rumänien 12 242 616

Oman 10 036 428

Arabische Emirate 7 413 565

Frankreich 6 927 063

Dänemark 6 649 645

Norwegen 5 303 343

Saudi-Arabien 5 286 786

Österreich 4 396 122

Niederlande 4 328 225

Schweden 4 287 469

Belgien 4 248 441

Angaben in Euro, die 20 wichtigsten Importländer, Quelle: Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft /Südkurier Grafik Gora