Die Rüstungsfirmen am Bodensee erlebten in der Hitlerzeit einen enormen Aufschwung

Foto: Fertigung der Do17 in Immenstaad im Zweiten Weltkrieg


Schwäbische Zeitung, WIRTSCHAFT, Seite 8, Samstag, 31. August 2019 

Hochkonjunktur dank Angriffskrieg. Wie Betriebe in der Region ihre Produktion auf Kriegswirtschaft umgestellt haben 

Von Franziska Telser, Friedrichshafen/Tuttlingen 22. Juni 1941: Es ist noch früh am Morgen, als die Wehrmacht die Grenze zur Sowjetunion überschreitet. Eine Streitmacht aus 3,6 Millionen Soldaten begleitet von 600 000 Fahrzeugen trägt den Krieg weiter in den Osten hinein. 3350 Panzer rollen nun auf Moskau zu. In jedem läuft ein Motor von Maybach, in jedem ist ein Getriebe der Zahnradfabrik aus Friedrichshafen eingebaut. Ohne die beiden Schwesterfirmen würde sich kein einziger deutscher Panzer von der Stelle bewegen. Sieben Jahre zuvor - im Februar 1934 - hat Felix Zabel, der Berliner Vertreter von Maybach Motorenbau, ein Gespräch mit Major Streich vom Reichswehrministerium geführt. Es geht um die Entwicklung eines Vergasermotors für militärische Tankwagen - ein wichtiges Geschäft für das Unternehmen, denn Fehlentscheidungen wie der Bau von Luxusautos, eine Vielzahl technischer Probleme und die Weltwirtschaftskrise haben Maybach Anfang der 1930er-Jahre in große Schwierigkeiten gebracht. Die Verhandlungen laufen erfolgreich: Zwei Monate nach dem Gespräch mit Major Streich bestellt das Ministerium die ersten Motoren. Maybach tritt ins Rüstungsgeschäft ein. 

Der Motorenbauer ist nur eins von vielen Beispielen deutscher Firmen, die früh in der Rüstungswirtschaft tätig sind. Andere große Industriebetriebe, wie der Getriebehersteller Zahnradfabrik, der Flugzeugbauer Dornier oder der Tuttlinger Medizintechniker Aesculap profitieren ebenfalls von der NS-Wirtschaftspolitik. „Die Unternehmen haben sich um diese Aufträge bemüht“, sagt der Friedrichshafener Historiker Hartmut Semmler. Denn staatliche Aufträge bedeuten kurz nach der Weltwirtschaftskrise sichere Aufträge und hohe Renditen. Spätestens 1936 mit dem Vierjahresplan, der Deutschland mit aller Macht bis 1940 kriegsbereit machen soll, greift der Staat dann dirigierend in den Produktionsbereich ein. Die Nazi-Regierung bestimmt nun, wo es in der Industrie langgeht. 

Maybach sichert den Aufstieg 

Maybach, heute Rolls-Royce Power Systems, eine Tochter des britischen Rolls-Royce-Konzerns und einer der weltweit führenden Hersteller von Großdieselmotoren, knüpft bereits im Jahr der Machtübernahme die ersten Kontakte zu den Nationalsozialisten. Der Motorenbauer ist eines der Unternehmen der Zeppelin-Stiftung, die 1908 ins Leben gerufen wurde, um die Luftschifffahrt zu fördern. 1933 lebt das Unternehmen nicht mehr vom freien Markt, sondern liefert Motoren an die Reichsbahn oder -Post. Diese Aufträge sind es, die ein Jahr später zu den ersten militärischen Geschäften führen. Obwohl sich die Arbeit für die Reichswehr anfangs als schwierig erweist, kann Maybach bis Ende 1934 seine Schulden bei der Bank begleichen, die Zahl der Beschäftigten steigt. Eine Erweiterung der Betriebsanlagen steht an: Am 18. Juli 1935 veranlasst die Reichswehr die Gründung einer Zweigstelle in Berlin-Niederschönweide, im Oktober folgt der erste Großauftrag mit der Bestellung von 500 Motoren für Halbkettenfahrzeuge. Das Reichswehrministerium wird so zu einem immer wichtigeren Großkunden. 

Getriebe für Panzer 

Der Boom, der Anfang 1933 einsetzt, übertrifft bei der Zahnradfabrik in Friedrichshafen alle Erwartungen. Denn das Nazi- Regime baut Schnellstraßen und Autobahnen aus. Auch Getriebehersteller, wie die Zahnradfabrik, heute unter dem Namen ZF ein weltweit agierendes Technologieunternehmen, das Systeme für Autos, Lastwagen und Industrietechnik liefert, profitieren davon. 

Schon früh beteiligen sich auch die Ingenieure der Zahnradfabrik an der deutschen Aufrüstung: Im ersten Jahr der NS-Herrschaft kooperiert der Autozulieferer mit der Krupp AG, die gerade dabei ist, den ersten Panzer für die Nationalsozialisten zu entwerfen. Das Fahrzeug wird unter dem Decknamen „Landwirtschaftlicher Schlepper“ gebaut, denn der Versailler Vertrag verbietet zu diesem Zeitpunkt noch den Bau von Kriegsgerät. 

Ab 1936 baut die Zahnradfabrik ein Getriebe für die deutschen Panzer III und IV. Danach ist das Unternehmen immer stärker in Militäraufträge involviert. Dass sich der Friedrichshafener Automobilzulieferer schon Mitte der 1920er-Jahre in Richtung Großfertigung orientiert hat und im Gegensatz zur Konkurrenz früh auf Einheitsgetriebe setzt, kommt der NS-Rüstungspolitik entgegen. Umsätze und Gewinn explodieren. Die Mitarbeiterzahl wächst von 1933 bis Kriegsbeginn um mehr als das Dreifache auf 3364. 

Post- oder doch Kampfflugzeug 

Mit dem Machtwechsel verbessert sich auch die wirtschaftliche Situation von Flugzeugpionier Claude Dornier. Nachdem das Unternehmen 1932 aus dem Zeppelin-Konzern ausgeschieden ist, kämpft die Firma anfangs noch ums Überleben. 1933 ändert sich die Situation für den Flugzeugbauer schlagartig - denn Dornier ist das erste deutsche Unternehmen, das Kriegsflugzeuge in Gesamtmetallbauweise produziert hat und wird deshalb bei Staatsaufträgen besonders berücksichtigt. „Die Do 23 ist bereits 1934 das wichtigste Kampfflugzeug der Luftwaffe“, sagt Bettina Pönisch, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archiv des Dorniermuseums. Der Flugzeugbauer besteht heute nicht mehr, aus den Dornierwerken hat sich der Airbus-Standort am Bodensee entwickelt. Im Jahr 1936 sind drei der fünf Maschinentypen im Sortiment von Dornier Aufklärungs- oder Kampfflugzeuge. Viele sind Weiterentwicklungen von Maschinen, die Anfang der 1930er- Jahre als zivile Flugzeuge gebaut werden, mit dem Gedanken, sie für den Krieg umzurüsten. So ist unter anderem der Do 17 Schnellbomber ursprünglich angeblich als Postflugzeug ausgelegt... 

Die letzten Friedensjahre 

Je weiter die Kriegsrüstung voranschreitet, desto mehr bestimmt sie die Produktion der Unternehmen. In den letzten Friedensjahren gehen die zivilen Aufträge weiter zurück. Es gibt nur noch wenige Möglichkeiten für die Unternehmen, sich am Markt zu orientieren. Die NS-Regierung rüstet weiter auf und kauft kriegswichtige Güter. Die Exporte gehen zurück: Bei Aesculap machen diese bei Kriegsbeginn nur noch weniger als die Hälfte aus als noch 1933. 

Die private Wirtschaft wird immer mehr gezwungen, sich den politischen Erfordernissen anzupassen. Die Luftrüstung beschert der Flugzeugindustrie zwar umfangreiche Aufträge, bringt diese aber zunehmend in die Abhängigkeit vom NS-Staat. Schon mit der Ernennung Hermann Görings 1933 zum Reichsluftfahrtminister wird die Marktwirtschaft im Flugzeugbau zu einer Planwirtschaft. Entscheidungen über die Fertigung von Baumustern werden zentral getroffen und Dornier baut etwa bei den Norddeutschen Werken Maschinen von Junkers oder Heinkel. 

Spätestens mit der Gründung zweier Zweigwerke in Schwäbisch Gmünd 1937/38 gehorcht auch die Zahnradfabrik völlig dem militärischen Kalkül des NS-Regimes. Der Betrieb ist auf die Produktion von Zahnrädern für Flugmotorenbetriebe spezialisiert und wird zu 60 Prozent vom Reich finanziert. 

Im Krieg 

Was am Anfang den großen Aufschwung gebracht hat, gestaltet sich nach Kriegsausbruch zunehmend schwieriger. Am 28. September 1940 feiert die Zahnradfabrik ihr 25-jähriges Bestehen noch mit einem Umsatzrekord. Zwei Jahre später tobt im Osten ein erbitterter Kampf um Stalingrad. Die Kriegsproduktion läuft auf Hochtouren, die Unternehmen kommen nur noch schwer den Aufträgen hinterher. Die ursprünglichen Arbeitskräfte kämpfen an der Front, Tausende Zwangsarbeiter müssen unter katastrophalen Bedingungen die Produktion übernehmen, Rohmaterialien werden knapper: Es bricht eine Zeit der höchsten Anspannung an. Wegen Überlastungen braucht es neue Standorte - oder fremde Unternehmen übernehmen in Lizenz die Produktion... 

Tiger und Panther 

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 dauert es keine zwei Monate und die Hälfte der deutschen Panzer des Typs III und IV sind zerstört. Der sowjetische T-34 ist ein zu mächtiger Gegner. Als Antwort fordern die deutschen Befehlshaber einen ebenbürtigen Panzerkampfwagen: Die Typen Tiger und Panther entstehen. Der Motorenbauer Maybach und die Zahnradfabrik entwerfen im Wettbewerb die Getriebe für die beiden Modelle. Auf der Panzerwiese, einem Testgelände am Gehrenberg bei Markdorf, das auch heute noch unter diesem Namen in der Region bekannt ist, führt Karl Maybach dem seit 1942 amtierenden Rüstungsminister Albert Speer seinen Entwurf vor - er erhält den Zuschlag für das Getriebe des Tigers. Für den Panther entscheidet man sich stattdessen für eine Neukonstruktion von der Zahnradfabrik. Bis Kriegsende werden noch mehr als 6200 dieser Aggregate gebaut.